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Psychotherapie wirkt über mehrere Faktoren
Störungsspezifische Indikation greift zu kurz –
Symposium lehnt "Einheitspsychotherapie" ab
Das Bonner Symposium "Das Unbehagen in der (Psychotherapie-)Kultur" sollte "ein
Forum sein für diejenigen, die sich unbehaglich fühlen angesichts
der Entwicklung zu einer Psychotherapie, die ihr Selbstverständnis darin
findet, "Störungen" zu beseitigen, ohne nach deren Sinn, Herkommen
und Bedeutung zu fragen." Die Diskussion und der Streit "im Felde
der sinnverstehenden, humanistischen, psychoanalytischen und systemischen Verfahren, über
Grundsätzliches und Methodisches, Allgemeines und Spezifisches" waren
intendiert. Die Veranstaltung mit über 150 teilnehmenden Psychotherapeutinnen
und Psychotherapeuten sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erfuhr
eine ungeplante Aktualität durch die Bestrebungen des G-BA, die PT-Richtlinien
so zu verändern, dass zukünftig PT-Verfahren in der GKV nur noch für
einzelne ICD-10-Diagnosen zugelassen werden.
Karl-Otto Hentze, Mitglied der Vorbereitungsgruppe, wies daraufhin, dass Evidenz-basierte
Medizin eigentlich wissenschaftliche Ergebnisse und die klinische Expertise
und - ganz wichtig - die Präferenz der Patientinnen und Patienten beinhalte. "Wir
sind am Rubikon angekommen": Das Bemühen um eine "Einheitspsychotherapie" sei
weit fortgeschritten. Psychotherapie, die sich auf den ganzen Menschen bezieht
und die Beziehung betont, werde ausgegrenzt. Dr. Rainer Richter, Präsident
der Bundespsychotherapeutenkammer, hob in seinem Grußwort hervor, dass "wir
selten selber das tun, was wir von unseren Patienten erwarten", nämlich "dass
wir über unser Unbehagen nachdenken".
"Ehemals blühende Therapielandschaft" ist zerstört
Prof. Jürgen Kriz, Mitglied des wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie,
erklärte in seinem Einführungsvortrag: Eine "ehemals blühende
Therapielandschaft" sei innerhalb kurzer Zeit zerstört worden durch
Missachtung der Zugänge zur Pluralität der Lebensweisen. "Natürlich
gibt es da auch Unkraut", das man "ausreißen" wollte.
Die Frage sei: "Erreicht man das durch Mono- (oder Bi-)Kulturen?" Gefragt
sei "Effektivität um jeden Preis". Man könne auch alle
Schweizer Berge in die Seen versenken, eine Flachlandschaft sei wesentlich effektiver.
Aber: "Wollen wir so leben?" Pluralität sei eine Leistung der
Gesellschaft, die man schätzen sollte. Schließlich sollte die Psychotherapie-Theorie
nicht präziser sein wollen als die Physik: Warum/wann/wie sich eine psychische
Störung entwickelt, sei nur rekonstruktiv (idiographisch), aber nicht prospektiv
(nomothetisch) beantwortbar.
"Sinnvolle Therapiewirksamkeitsforschung" ist nach den Worten
von Prof. Jochen Eckert "differentielle Therapieforschung. Die Art der
Störung des Patienten ist dabei nur einer der zu beachtenden Faktoren.
Psychotherapiewirksamkeitsforschung, die sich auf sog. Laborstudien (RCT-Studien,
Evidenzklasse I) beschränkt, ist nicht sinnvoll. RCT-Studien setzen z.B.
die freie Arztwahl außer Kraft. Sinnvolle Wirksamkeitsforschung im Bereich
Psychotherapie basiert auch auf naturalistischen Praxisstudien."
Wirksame Faktoren in der Psychotherapie
Nach den Ergebnissen von Howard und Orlinsky gäbe es mehrere wirksame Faktoren
in der Psychotherapie: das Behandlungsmodell des Therapeuten, die Erkrankung/Störung
der PatientIn, das Behandlungsmodell der PatientIn, die TherapeutIn (therapiebezogene
Merkmale, personale Merkmale) und der Patient (therapiebezogene Merkmale, personale
Merkmale). Optimale Therapie sei möglich, wenn die Passungen zwischen allen
Merkmalen gut aufeinander abgestimmt seien.
"Es gibt kein spezifisches Psychotherapieverfahren, was spezifisch wirkt." Es
zeigen sich immer auch andere Faktoren, z.B. bei einer Depressionsbehandlung
wirke die Psychotherapie auch auf soziale und andere Bereiche. Wampold untersuchte
2001 in einer Metaanalyse, was Veränderung in der Psychotherapie bewirkt:
Dabei stellte sich heraus, dass außertherapeutische Faktoren (Beziehung,
Job) 40%, Placebo (Erwartung des Pat.) 15%, allgemeine Faktoren (therapeutische
Beziehung, usw.) 30%, die therapeutische Technik nur 15% der Effektvarianz erklären!
Prof. Morus Markard wies auf die wissenschaftspolitische Problematik hin,
dass nämlich in der gegenwärtigen multi-paradigmatischen Psychotherapielandschaft
lediglich ein Paradigma den Evidenzbegriff "usurpiert" und in Anspruch
nimmt, seine inhaltliche Durchsetzung administrativ zu organisieren. Prof. Michael
Buchholz ergänzte, dass diese Strategie der einer Mannschaft gleichkommt,
die nicht nur um ihren Sieg kämpft, sondern gleichzeitig als Schiedsrichter
auftritt, der die Spielregeln im eigenen Interesse gestaltet.
Alternativen zur störungsspezifischen Indikation
Prof. Inge Frohburg stellte dem medizinischen, einfachen Krankheitsmodell: Patient
- Störung - Psychotherapie, das die störungsspezifische Indikation
zur Folge hat, das biopsychosoziale Krankheitsmodell gegenüber: Welches
Psychotherapieverfahren bei welchem Patienten mit welcher Störung durch
welchen Therapeuten zu welchem Zeitpunkt wirkt. Daraus ergeben sich alternative
Modelle zur störungsspezifischen Indikation:
-eine multimodale Indikation (z.B. OPD) oder kontextuale Indikation (Orlinsky & Howard:
Passungen),
-adaptive Indikation (ständig anpassen),
-probatorische Indikation (in den probatorischen Sitzungen wird z.B. die Selbstreflexivität
der Patienten, die Ansprechbarkeit der Patienten auf das Beziehungsangebot geprüft).
Dieser Ansatz sei in der Wissenschaft besser begründet als das störungsspezifische
Modell.
Norbert Bowe, einer der wenigen Praktiker unter den Referenten, sprach zu
Grundlagen der Psychotherapie und (versorgungs)politischen Folgerungen: er berichtete
aus seiner Praxis, dass 90 Prozent der Patientinnen und Patienten nicht nur
eine Diagnose hätten. Störung sei mehr als eine ICD-10-Diagnose. "Die
Gleichstellung unterstellt eine mechanische, fixe Beziehung zwischen Symptom
und zugrundeliegenden gestörten Vorgängen."
Im Abschlussplenum machte Hentze am Beispiel Neurowissenschaften vs. Psychotherapie
deutlich, wie wichtig eine Gleichberechtigung von Wissenschaft und Praxis sei:
Sie ergänzen sich, ersetzen sich aber nicht. Ein bildgebendes Verfahren
könne sehr exakt abbilden, aber man erfahre trotzdem nichts "über
das Seelische".
Es war eine gelungene Veranstaltung. Das Plenum zeigte den deutlichen Wunsch,
den Diskurs fortzusetzen und nächstes Mal auch Vertreterinnen und Vertreter
der VT dazu einzuladen.
Eva Schweitzer-Köhn
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